| Erich
Loest 75.
Leipzig - 26.02.2001.
Freunde, Schriftsteller und Politiker haben dem Schriftsteller
Erich Loest am Samstag im Leipziger Alten Rathaus zum 75.
Geburtstag gratuliert. Der 1926 im sächsischen Mittweida
geborene Loest lebt seit 1990 wieder in Leipzig, das er zu
DDR- Zeiten Richtung Westen verlassen hatte. 1996 verlieh ihm
die Stadt die Ehrenbürgerschaft.
Sachsens Ministerpräsident
Kurt Biedenkopf (CDU) lobte den seit über fünf Jahrzehnten tätigen
Schriftsteller als politisch wachen, neugierigen und offenen
Menschen, der «durch seine Worte und Sprache Brücken
zwischen Ost- und Westdeutschland gebaut hat».
Mit Themen wie Stasi und SED
aber ist die DDR-Vergangenheit nach Ansicht Loests noch lange
nicht aufgearbeitet. «Wir haben eine Debatte über
DDR-Zwangsarbeit überhaupt noch nicht begonnen», sagte der
Autor. Ein weiteres Problem sei, wie entgangene Bildung entschädigt
werden könne. «Viele Pfarrers- oder Oppositionellen-Kinder
durften nicht studieren», erinnerte Loest, der gerade seinen
fünften Leipzig-Roman «Reichsgericht» abgeschlossen hat.
In der Stasi-Diskussion kämen
die Opfer zu kurz, vor allem wenn es um Renten und Entschädigungen
gehe. «Wer im Knast saß, dem fehlt das heute an der Rente»,
kritisierte Loest. Die Stasi-Akten müssten daher nicht nur
zur Identifizierung der Täter zugänglich bleiben. «Wenn man
die Akten schließen würde, dann würde man Unrecht weiter
leben lassen», meinte der frühere Vorsitzende des deutschen
Schriftstellerverbandes. «Sie müssen so lange nutzbar sein,
wie Bedarf zur Einsicht besteht und bisher haben das noch
nicht alle Opfer getan.»
Mit Blick auf die Entwicklung
seit 1990 bedauerte Loest, dass sich trotz Kritik an der
Selbstbedienungsmentalität der Politiker und der
Verschwendung von Steuergeldern wenig ändere. Dazu gehöre
nicht nur die Unterhaltung von Vertretungen in Berlin und Brüssel
der Länder, sondern auch die Gewährung hoher Abfindungen für
Ex- Amtsträger. «Dass auch nach kurzer Amtszeit
ausgeschiedene Minister weiter Unsummen bekommen, ist doch
irre», meinte er. «Das Geld wüsste ich aber in Bibliotheken
besser angelegt.»
Schon bei den Architekten der
Einheit habe der Weitblick gefehlt, der Westen nur wenig
Ahnung von den Zuständen im Osten gehabt und die Wirtschaft völlig
überschätzt. Weder Regierung noch Opposition seien
vorbereitet und auch nicht ehrlich gewesen. Auf Grund
verschiedener Erfahrungen und Lebensverhältnisse in Ost und
West werde der Prozess der Annäherung noch andauern. «Hier
gibt es Leute, die nie mehr Arbeit kriegen werden.» Die junge
Generation dagegen sammele schon Erfahrungen, wie sie in München
und Hamburg nicht anders seien.
© ap
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